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Leseförderung im Grundschulalter mit 
„Lesestart – Drei Meilensteine für das Lesen“
Dr. Ina Nefzer von der PH Ludwigsburg im Interview

Zum Schuljahresbeginn 2016/17 kommt das bundesweite Leseförderprogramm „Lesestart – Drei Meilensteine für das Lesen“ in alle Grundschulen in Deutschland. Ab dem Spätsommer stehen somit die Erstklässlerinnen und Erstklässler im Fokus des Programms, die alle ein persönliches Lesestart-Set für zu Hause erhalten. Mit einem speziell konzipierten Buch und einem Ratgeber für Eltern will das Programm die Leseförderung im familiären Umfeld stärken und Kinder zum Selberlesen motivieren.

Denn Kinder, die gern lesen, haben in vielen Fächern im Schnitt bessere Schulnoten und regelmäßiges Vorlesen prägt das Sozialverhalten von Kindern positiv, wie die letztjährige Vorlesestudie von Stiftung Lesen, DIE ZEIT und Deutsche Bahn Stiftung gezeigt hat. Außerdem stoßen Geschichten weitere Gespräche an und können über alltägliche Themen hinaus den Kindern sogar dabei helfen, sich einschneidenden Ereignissen, etwa Familienzuwachs, Umzug oder auch Trennung und Verlust, anzunähern und diese besser zu verstehen. Welche Bedeutung das Vorlesen und Lesen speziell im Grundschulalter hat und wie man Erstleserinnen und Erstleser zu Hause fördern kann, erläutert Dr. Ina Nefzer, Lehrbeauftragte an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendliteratur, im Interview. RED


Leseförderung im Grundschulalter mit 
„Lesestart – Drei Meilensteine für das Lesen“
Dr. Ina Nefzer von der PH Ludwigsburg im Interview

Ist Vorlesen für Kinder im Grundschulalter nach wie vor wichtig?
Das ist tatsächlich so. Viele Eltern denken fälschlicherweise, dass sich das Vorlesen mit dem Lesenlernen erübrigt. Ein gemeinsames Vorlese- oder Leseerlebnis stärkt jedoch als Ritual während der gesamten Grundschulzeit bis zu Beginn der Pubertät die emotionale Bindung zwischen Eltern und Kindern, Großeltern und Enkeln. Natürlich ändern sich die Stoffe. Auf Bilderbücher folgen Kinderbücher und wundervolle Klassiker wie Grahames „Der Wind in den Weiden“. Vorlesestoffe sind immer dann besonders reizvoll, wenn die selbstständige Lektüre das Kind noch überfordern würde und schon der Buchumfang viele gemeinsame Vorlesestunden verheißt. In diesem Sinne eignen sich natürlich auch Buch-Serien hervorragend, zumal viele erfolgreiche Serien derzeit um eine begleitende Erstleseserie ergänzt werden. Wenn Kinder Stoffe bereits vom Vorlesen kennen, fällt ihnen das Selbstlesen leichter.

Welche Buchtitel eignen sich denn besonders gut zum Vorlesen für Leseanfänger?
Das ist ganz unterschiedlich. Je nach Vorlesetalenten kann man Geschichten mit ausgewiesener Erzählerfigur und hohem Dialoganteil wählen, die sich besonders lebendig vortragen lassen. Entscheidend für die Auswahl des Stoffes ist der Zeitpunkt der gemeinsamen Lektüre. Wenn zum Beispiel abends vorgelesen wird und die Konzentrationsfähigkeit nicht mehr so groß ist, sollten Texte nicht zu kompliziert sein. Deswegen braucht man keine Angst vor trivialen Stoffen zu haben, die hauptsächlich spannend oder lustig sind. Wichtig ist doch, dass sowohl der Erwachsene als auch das Kind gerne vorlesen und zuhören. Man kann seinem Kind durch die Auswahl des Vorlesestoffs aber auch ganz bewusst Augen und Ohren öffnen für außergewöhnliche Autoren und fiktive Welten, die man eben nur erlesen kann.

Welche Möglichkeiten haben Lehrkräfte Ihrer Meinung nach, die Eltern dabei zu unterstützen, das Vorlesen und Erzählen im Familienalltag fest zu verankern?
Die Erstleseprogramme der Kinderbuchverlage entwickeln sich – mehr als in anderen Buchsparten – ständig fort. Bestehende Konzepte werden ständig überarbeitet, neue Textmodelle entwickelt und Ideen, auch und gerade im medialen Bereich, ausprobiert. Lehrer können sich ganz leicht informieren, gibt es doch ausgewiesene Internetseiten und Newsletter, zudem viele kostenlose Angebote und Aktionen, u. a. von der Stiftung Lesen.

Bei welchen Gelegenheiten können Lehrkräfte die Familien gut auf das Thema Leseförderung ansprechen?
Lehrkräfte können den Eltern – entweder allgemein auf Elternabenden oder gezielt in Einzelgesprächen – Leselernbücher und Textmodelle empfehlen, die gemeinsam gelesen werden können, und Stoffe, an denen sowohl der Erwachsene als auch der Erstleser Spaß haben. Die Lesestart-Erstlesebücher zeigen, welche Bandbreite für das Lesenlernen zu zweit existiert: vom Vignettentext über Tandemtexte bis zu ABC-Gedichten. Daneben gibt es kostenlose Internetplattformen, die von Eltern und Kindern gemeinsam genutzt werden können. Das macht Eltern, die technikaffin sind, vielleicht mehr Spaß als die traditionelle Vorlesesituation, fördert aber gleichermaßen Lese- wie Medienkompetenz.

Wie können Eltern ihre Kinder im Grundschulalter beim Lesenlernen unterstützen und sie für das Selberlesen begeistern?
Neben gemeinsamem Vorlesen ist das A und O die richtige Buchauswahl und kein falscher Ehrgeiz. Auf keinen Fall sollten Kindern Bücher aufgezwungen werden oder Eltern kindliche Lektürewünsche abtun.

Um das passende Buch zu finden, empfiehlt es sich, themenorientiert vorzugehen und sich im Buchladen oder in der Bücherei zu erkundigen, welche Bücher es zu diesem Aspekt für das jeweilige Alter gibt. Aussuchen sollte das Kind selbst.

Ein wichtiger Tipp zur Altersangabe: Das ist besonders bei Erstlesebüchern schwierig. Deswegen lieber ein bis zwei Jahre zugeben, selbst einen Blick ins Erstlesebuch werfen und sich auf keinen Fall wundern, wenn ein Kind einen ausgewiesenen Erstlesetext noch nicht selbst lesen kann. Vertrauen Sie Ihrem Kind und Ihrem Gefühl!

Fürs Selberlesen begeistern kann man Kinder durch regelmäßige Besuche in Bibliotheken, wo sie ausreichend Zeit bekommen, zu stöbern und zu schmökern. Das ist die einfachste und kostengünstigste Weise, Kinder mit Lesestoff zu versorgen. Immer mehr Bibliotheken bieten auch E-Book-Ausleihe an.

Viele Eltern lesen wenig oder gar nicht vor und brauchen besondere Unterstützung in der Förderung ihrer Kinder. Wie kann eine Grundschullehrkraft speziell die lesefernen Eltern dazu motivieren, ihren Kindern vorzulesen und mit ihnen zu erzählen?
Eltern, die selbst nicht gerne lesen, müssen meines Erachtens nicht zu Leseratten werden, um mit ihren Kindern vorzulesen und zu erzählen. Wichtig ist das Bewusstsein für den Wert des Lesens und dass man gemeinsam neue Wege sucht, bei denen sich niemand verbiegen muss. Leseferne Eltern interessieren sich zwar weniger für Buchlektüre, dafür aber sicher für bestimmte Themen. Deswegen würde ich themenorientiert vorgehen und einen Lesestoff suchen, über den beide mehr wissen wollen. Das können populäre Filmstoffe sein wie „Sherlock Holmes“, „Star Wars“ oder „James Bond“, zu denen es Bücher auch für Kinder gibt. Oder Sachthemen wie Autos oder Mode.

Viele Eltern, die weniger gedruckte Bücher lesen, nutzen gerne Handy oder Tablet. Hier kann man das Kind einbinden, denn es gibt viele interessante mediale Angebote: Man kann sich gemeinsam animierte Erstlesestoffe anschauen, statt sich Bücher zu kaufen. Speziell für den Leselernprozess gibt es Erstlese-E-Books, die didaktisch durchdacht und wirklich sehr gut gemacht sind. Bilderbuch-Apps haben viele spielerische Anteile, die auch für kleine Kinder geeignet sind. Es gibt immer mehr solcher medienübergreifenden Angebote, die besonders Buchmuffel mit ins Boot holen und indirekt für Lesestoffe begeistern können.


Wie lange dauert es durchschnittlich, bis ein Kind selbst lesen kann, und welche Faktoren sind dafür von Bedeutung?
Üblicherweise lernt ein Kind in der ersten Klasse erst die einzelnen Buchstaben zu lesen und zu schreiben, dann kurze und schließlich mehrsilbige Wörter bis zu ganzen Sätzen. Mitte der zweiten Klasse dürften die meisten Kinder so weit lesen können. Dann ist es wichtig, dass sie anfangen zu üben, um immer besser und schneller lesen zu können.

Entscheidend ist, dass jedes Kind sein eigenes Tempo findet und nicht unter Druck gesetzt wird, weder in der Schule noch zu Hause. Es gibt für jede der vier Stufen des Schriftspracherwerbs unterschiedliche Textmodelle, sodass Kinder sehr differenziert gefördert werden können. Kinder dort abzuholen, wo sie stehen: Dieser Grundsatz ist unverändert bedeutsam und findet sich in den Erstleseprogrammen der Kinderbuchverlage vielfältig umgesetzt. Denn natürlich gibt es in den ersten beiden Grundschulklassen große Unterschiede die Fähigkeiten der Schüler betreffend: Manche Kinder können schon lesen, wenn sie in die Schule kommen, andere tun sich in der dritten Klasse noch schwer.

Alle Titel für die Lesestart-Erstlese-Edition sind speziell für das Programm konzipiert worden und berücksichtigen die große Heterogenität der Zielgruppe, indem sie mit verschiedenen Textformen verschiedene Ansätze vermitteln, um die Kinder zum Lesen zu motivieren. Wie bewerten Sie das Konzept?
Das Besondere am Lesestart-Konzept ist, dass das Vorlesen und Selberlesen im Familienumfeld ins Zentrum gestellt werden. Damit zeigt man den Eltern, wie leicht und wie schön es sein kann, seine Kinder beim Lesenlernen an die Hand zu nehmen. Nach der Lesestart-Lektüre dürften Eltern zudem mit anderen Augen vor dem Erstlesebuch-Regal in der Buchhandlung oder in der Bücherei stehen, da sie verschiedene Textmodelle und Konzepte bereits kennen und sich wahrscheinlich bestens orientieren können.

Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach das gedruckte Buch angesichts der vielen digitalen Medien im Alltag von Familien? Ist es noch ein zeitgemäßes Medium für Kinder?
Das gedruckte Bilder- und Kinderbuch hat durch mediale Angebote weniger eine Konkurrenz als eine interessante Ergänzung erfahren. Bilderbuch- und Kinderbuch-Apps bieten innovative neue Möglichkeiten, Stoffe zu präsentieren und zu rezipieren, da sie Kinder aktiv beteiligen und emotional wie inhaltlich involvieren. Dennoch besitzt das traditionelle Buch neben solch virtuellen Welten viele Vorteile, da es handfest und greifbar ist. Das ist für Kinder bedeutsamer als für Erwachsene. Kinder brauchen Bücher! Daran wird sich meines Erachtens nichts ändern.

Für das Gespräch bedankt sich die RpS-Redaktion.