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VBE Rheinland-Pfalz

Offener Brief zu den Erfahrungen der stufenweisen Wiedereröffnung der Schulen in Rheinland-Pfalz

11.05.2020

In einem offenen Brief hat sich der Landesvorsitzende Gerhard Bold an die Bildungsministerin Dr. Stefanie Hubig gewandt - und klare Forderungen für das kommende Schuljahr 2020/21 formuliert.

Sehr geehrte Frau Dr. Hubig,

uns alle stellt die Ausnahmesituation rund um das Corona-Virus vor ungeahnte Herausforderungen – im Privaten wie im Beruflichen, ständig im Bestreben, zu einem neuen „Alltag“ zu finden. Hinzu kommen beinahe täglich neue Handlungsempfehlungen von Virolog/-innen und Gesundheitsexpert/-innen.

Ein zentraler Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens ist die Schule – nicht nur für Schüler/-innen und Lehrer/-innen, sondern auch für Eltern und nicht zuletzt auch für uns – Politik und Interessenvertretungen. In der Diskussion um die stufenweise Wiedereröffnung der Schulen ab dem 27. April 2020 vermissen wir den gemeinsamen Austausch, um unsere praxisnahen Erfahrungen in Ihre Pläne einfließen lassen zu können.

Nach der ersten Unterrichtswoche für die Klassenstufen 4 und 9 bis 12 haben sich bereits die ersten Defizite gezeigt. Aus der Sicht des VBE Rheinland-Pfalz fallen viele Aspekte darunter, die mit genügend Vorlauf und vorausschauendem Handeln besser hätten durchgeführt werden können. Noch immer besteht Verbesserungsbedarf – weshalb wir Sie mit diesem offenen Brief zur Nachsteuerung aufrufen.

In der vergangenen Woche haben sich viele Lehrkräfte sowie pädagogisches Personal bei uns gemeldet – sie sind um ihre Gesundheit und die der Kinder bzw. Angehörigen besorgt und vor allem verärgert über das sorglose Handeln der Landesregierung.

Ohne Rücksicht auf Leib und Leben gefährdet die Landesregierung die Gesundheit aller Schülerinnen und Schüler sowie aller Lehrkräfte – Artikel 2 Absatz 2 des Grundgesetzes, nämlich das Recht auf Unversehrtheit, scheint aus den Augen verloren. Allerorts werden Sicherheitsmaßnahmen getroffen, Masken an Mitarbeiter/-innen verteilt, Personal mit Visieren/Spuckschutz sowie transparenten Schutzscheiben beim Kontakt mit anderen Menschen geschützt. Nur in den Schulen scheinen eben diese Maßnahmen nicht möglich zu sein: Wieso werden alle Schüler/-innen, aber nicht alle an den Schulen Beschäftigten mit Masken ausgestattet? Wieso sind Schulen auf sich alleine gestellt und basteln sich eigenständig Plexiglasscheiben für einen abgetrennten Bereich im Klassenraum? Die Versorgung mit Schutzmasken durch den Arbeitgeber bzw. Dienstherren sowie Sicherheitsmaßnahmen wie das Einrichten durch Plexiglasscheiben geschützter Bereiche sind basale Maßnahmen, die an jeder Schule im Land vorgenommen werden müssen! Der Lehrer/-innenberuf wird durch das sorglose Handeln der Landesregierung zu einem Hochrisikoberuf – noch ist Zeit genug, um nachzusteuern und sich um den Gesundheitsschutz adäquat zu kümmern.

Mit äußerst großer Sorge beobachten wir auch den Schulweg: Die Schulbusse sind viel zu voll, auf die Maskenpflicht wird vielerorts kaum geachtet – die Busfahrer und -unternehmen sehen sich nicht in der Pflicht, hier zu kontrollieren. Somit steigt das Risiko, sich mit dem gefährlichen Corona-Virus zu infizieren, schon morgens mit in den Schulbus, begleitet die Schüler/-innen über den gesamten Tag und breitet sich im Kontakt mit den Lehrkräften weiter aus.

Angekommen in der Schule stellt sich die Frage, wie viele Lehrkräfte tatsächlich für den Präsenzunterricht verfügbar sind. Denn auch in dieser Berufsgruppe fällt ein Großteil der Personen unter die Kriterien der Risikogruppen oder hat Angehörige, die besonders gefährdet sind und die es zu schützen gilt. Daher ist es mehr als fraglich, ob die stufenweise Unterrichtung der Kinder und Jugendlichen tatsächlich wie geplant stattfinden kann, denn die Personaldecke wird immer dünner – war sie doch schon in Zeiten vor Corona auf Kante genäht.

Viele Eltern sind auf die Notbetreuung angewiesen, hinzu kommt nun Präsenzunterricht im Schichtbetrieb. Wir hegen begründete Skepsis, dass der Unterricht bis zu den Sommerferien so stattfinden kann, wie Sie es den Eltern versprochen haben. Auch weil es an vielen Schulen zu wenige Räumlichkeiten gibt, um den geplanten Unterricht – selbst im Schichtbetrieb – unter den Hygienevoraussetzungen durchzuführen.

Sobald der Unterricht zu Ende ist, fängt die Arbeit der Reinigungskräfte an, die ebenfalls überfordert und vielerorts mit nicht ausreichenden Mengen Desinfektionsmittel ausgestattet sind. Dabei ist die Reinigung der Klassenräume sowie des Schulgebäudes eine zentrale Voraussetzung für den Gesundheitsschutz aller Anwesenden!

Nicht zuletzt zeigen sich auch Defizite der Digitalisierung so deutlich wie nie zuvor: Schüler/-innen wie Lehrkräfte waren kaum auf den Einsatz digitalen Lernens vorbereitet, es hapert an Endgeräten wie auch an den technischen Kenntnissen, ganz zu schweigen von adäquaten Lehr- und Lernmaterialien. Eine gescannte Schulbuchseite ist noch kein digitales Lernen! Wir fordern Sie dazu auf, die Krise als Impuls für Innovation zu nutzen, also nach einer Evaluation der Defizite entsprechend gegenzusteuern, um die digitale Infrastruktur, Ausstattung, Lehr- und Lernmaterialien und Fort- und Weiterbildungen der Lehrpersonen sowie Entwicklung und wissenschaftliche Evaluierung pädagogischer Konzepte zu gewährleisten. Dabei muss die Bildungsgerechtigkeit im Fokus stehen. Denn: Mit einer individuellen Förderung während und auch über die Unterrichtszeit hinaus können alle gleichermaßen mit hochwertigen, kostenlosen Bildungsangeboten in ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten gestärkt und unterstützt werden. Nicht zuletzt gilt immer der Primat der Pädagogik. Die Lehrkraft entscheidet über die Methode. Damit eine echte Methodenauswahl ermöglicht werden kann, braucht es jedoch Ausstattung, Qualifizierung und Übung. Nur so kann zugunsten des höchsten pädagogischen Mehrwerts entschieden werden.

Das Schuljahr 2019/20 ist gefühlt zu Ende – und das bereits seit Mitte März, als die Schulen bundesweit geschlossen wurden. Ein Zurück zu einem normalen Schuljahresende sehen wir trotz aller Bemühungen nicht – umso wichtiger ist es, sich frühzeitig für eine Planung des Schuljahres 2020/21 zusammenzusetzen: Gemeinsam müssen wir ein realistisches Schuljahr planen, das die Gesundheit aller im Blick hat, Praxiserfahrungen der bisherigen Phase des Homeschoolings beachtet, digitales Lernen für alle ermöglicht und alle vorgenannten Aspekte berücksichtigt – die oberste Priorität liegt auf der personellen Aufstockung durch Lehrkräfte, die für Vertretungen zur Verfügung stehen.

Gemeinsam setzen wir uns für bessere Bildung ein, für einen Schutz aller, für ein Leben mit und nach Corona.

Mit freundlichen Grüßen

Gerhard Bold
Landesvorsitzender

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